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Sie können einfach sagen: «Ich bin Angehörige*r und ich mache mir Sorgen um jemanden.» Mehr müssen Sie im ersten Moment nicht wissen.

Modul 6 / 7

«Ich habe aufgehört, Sport zu machen. Dann habe ich aufgehört, Freunde zu treffen. Dann habe ich aufgehört, Freude zu empfinden. Irgendwann merkte ich: Ich bin nicht mehr ich.»

— Geschwister, 31 Jahre (anonymisiert)

  • Woran Sie merken, dass die Erkrankung auf Sie selbst übergreift und Ihre Tragfähigkeit sinkt.
  • Wie Selbstschutz, Rollenklärung und eigene Hilfe zusammenhängen — ohne dass Loyalität in Selbstaufgabe kippt.
Modul 6 · Selbstschutz

Wie schütze ich mich?

Lesezeit: ca. 10 Minuten · oder nur die Kurzfassung

Viele Angehörige merken ihren eigenen Belastungszustand erst spät: wenn Gereiztheit, Rückzug, Schuldgefühle oder innere Leere schon gross geworden sind. Dieses Modul hilft Ihnen, die eigene Lage ernst zu nehmen, Schutzschwellen zu erkennen und zu unterscheiden: Wo trage ich mit, wo verliere ich mich, und wann brauche ich selbst Hilfe, Begrenzung oder Abstand.

In 30 Sekunden — das Wichtigste

  • Angehörige tragen ein hohes Risiko für eigene Erschöpfung, Verhärtung und schleichende Selbstaufgabe.
  • Selbstschutz bedeutet nicht Wellness, sondern Tragfähigkeit: Schlaf, Grenzen, soziale Anbindung, Rollenklärung und eigene Unterstützung.
  • Warnsignale sind nicht nur Müdigkeit, sondern auch Gereiztheit, innere Leere, Zynismus, Alarmzustand oder das Gefühl, nur noch zu funktionieren.
  • Liebe schützt nicht davor, an Grenzen zu kommen. Loyalität kann sogar dazu führen, dass Sie zu lange über Ihre Kräfte gehen.
  • Eigene Beratung, klare Begrenzung oder zeitweiliger Abstand sind keine Niederlage, sondern in manchen Lagen ein notwendiger Schutz.

Wenn die Erkrankung auf Sie übergreift

Angehörige von Menschen mit Depression tragen ein erhöhtes Risiko, selbst psychisch zu erkranken, durch chronischen Stress, Schlafmangel, soziale Isolation und die dauernde Konfrontation mit dem Leid des anderen [8]. Fachlich ist dabei oft von «Compassion Fatigue» oder «sekundärer Traumatisierung» die Rede.

Oft beginnt das nicht dramatisch, sondern schleichend: Sie sagen Treffen ab, schlafen schlechter, kreisen ständig um die andere Person und merken erst spät, dass fast alles nur noch um die Erkrankung kreist. Der eigene Alltag wird enger, die innere Beweglichkeit kleiner.

Überlastung zeigt sich dabei nicht nur als Müdigkeit. Manche werden still und ziehen sich zurück. Andere werden hart, gereizt oder zynisch. Wieder andere funktionieren nach aussen tadellos und brechen innerlich weg. Auch der Wunsch, einfach zu verschwinden oder einmal gar nicht mehr erreichbar zu sein, ist ein Warnsignal — keine Charakterschwäche.

Selbstschutz beginnt deshalb oft nicht mit einem guten Vorsatz, sondern mit einem unangenehmen Eingeständnis: Dass das, was Sie aus Liebe, Loyalität oder Angst mittragen, Sie selbst bereits verändert hat.

Wichtig zur Einordnung

Überlastung sieht nicht immer nach «zu viel» aus.

  • Manche Angehörige werden still und ziehen sich zurück.
  • Andere wirken nach aussen stabil — und brechen innerlich weg.
  • Wieder andere werden gereizt, hart oder ungeduldig. Auch das kann Erschöpfung sein und nicht bloss ein Charakterproblem.

Woran Sie merken, dass Ihre Tragfähigkeit sinkt

Viele Angehörige fragen sich zu lange nur: «Halte ich das noch aus?» Hilfreicher ist oft eine andere Frage: «Wie tragfähig ist mein Alltag noch?» Denn nicht erst der Zusammenbruch zählt. Schon eine längere Verengung des eigenen Lebens ist ein ernstes Signal.

Selbstcheck · Modul 5

Warnzeichen in vier Bereichen

Wenn in zwei oder mehr Bereichen gleichzeitig Signale auftauchen, ist das ein ernstes Zeichen — kein Versagen, sondern Information.

🫀 Körperlich
  • Schlafprobleme
  • Dauererschöpfung
  • Kopf- / Magenschmerzen
  • Nie herunterkommen
💭 Emotional
  • Gereiztheit
  • Innere Leere
  • Schuld & Wut
  • Nur noch funktionieren
🤝 Sozial
  • Rückzug von Freunden
  • Absagen häufen sich
  • Kaum eigene Gespräche
  • Verlust von Tragfähigem
📋 Alltag
  • Daueralarmzustand
  • Konzentrationsmangel
  • Fehler häufen sich
  • Pflichten vernachlässigt
Realitätscheck: Wie tragfähig ist Ihr Alltag gerade noch?

Markieren Sie, was derzeit wirklich trägt. Es geht nicht um gutes Verhalten, sondern um Ihre reale Stabilität.

Wenn hier nur wenig zutrifft, ist das kein moralisches Versagen. Es ist ein Hinweis, dass Ihre Tragfähigkeit nicht mehr nur Entlastung, sondern Schutz braucht.

Selbstschutz, Grenzen und Rollen

Selbstschutz bedeutet nicht, sich von allem zurückzuziehen. Er bedeutet, die eigene Tragfähigkeit so zu sichern, dass Begleitung nicht in Selbstaufgabe kippt. Dazu gehört Erholung — aber auch Rollenklärung, Begrenzung und manchmal bewusstes Delegieren.

Gerade darin liegt für viele Angehörige das eigentliche Dilemma: Wer schützt, wirkt in sich selbst schnell hart. Wer weiterträgt, fühlt sich loyaler. Reif ist Selbstschutz oft nicht deshalb schwer, weil man ihn nicht versteht, sondern weil er sich im Inneren zuerst wie Verrat, Liebesentzug oder Kontrollverlust anfühlen kann.

Eine schwierige Wahrheit

Sie sind Angehörige*r — nicht Behandlungsteam, Rettungssystem oder Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit.

Viele Angehörige rutschen schleichend in Rollen, die auf Dauer nicht tragfähig sind: Organisator*in, Krisenmanager*in, Schlafwache, Motivationscoach, Übersetzer*in für das Umfeld. Kurzfristig kann das nötig sein. Langfristig macht es beide Seiten oft abhängiger und erschöpfter.

Selbstschutz heisst deshalb oft weniger: «Ich tue mehr für mich.» Sondern eher: «Ich übernehme nicht länger Aufgaben, die ich auf Dauer nicht tragen kann, auch wenn das Schuldgefühle auslöst.»

Wofür Sie zuständig sind — und wofür nicht

Sie können

ansprechen, begleiten, erinnern, zuhören, mitdenken, Grenzen nennen und Hilfe mitanbahnen.

Sie können nicht dauerhaft ersetzen

Therapie, Eigenmotivation, Krisendienst, Schlaf, Abstinenz, Behandlungstreue oder die gesamte Alltagsorganisation einer anderen erwachsenen Person.

Das eigentliche Dilemma

Zwischen Helfen, Aushalten, Distanzieren und Abgeben gibt es selten einen ganz sauberen Weg.

  • Wenn Sie weiter alles tragen, erschöpfen Sie sich oft.
  • Wenn Sie begrenzen, fühlen Sie sich womöglich schuldig oder fürchten Eskalation.
  • Wenn Sie Aufgaben abgeben, merken Sie manchmal erst, wie unklar die Zuständigkeiten schon geworden sind.
Strategie 1: Die «Sauerstoffmaske»-Regel

Im Flugzeug heisst es: Setzen Sie zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen helfen. Für Angehörige bedeutet das: Ohne Schlaf, Erholung und minimale Stabilität wird aus Mittragen schnell Selbstgefährdung.

Konkret: Benennen Sie einen nicht verhandelbaren Anker in Ihrem Alltag: Schlaf, eine Mahlzeit in Ruhe, Bewegung, ein fixer Termin, ein Abend ohne Krisengespräche. Nicht als Luxus, sondern als Schutzlinie.

Strategie 2: Nicht im Helfen verschwinden

Viele Angehörige merken erst spät, wie eng ihr Leben geworden ist: kaum noch eigene Termine, keine Hobbys, keine spontane Freude, ständig innere Alarmbereitschaft. Wer nur noch begleitet, verschwindet irgendwann aus dem eigenen Leben.

Konkret: Halten Sie mindestens einen Bereich bewusst ausserhalb der Erkrankung lebendig: einen Menschen, eine Aktivität, einen Termin oder einen Ort, der nicht von Depression bestimmt wird.

Strategie 3: Grenzen klar machen — nicht erst im Zusammenbruch

Grenzen wirken oft hart, wenn man sie innerlich schon lange überzogen hat. Dann kommen sie als Wut, Rückzug oder Ultimatum. Früher gesetzte Grenzen sind meist klarer, ruhiger und fairer.

Konkret: Fragen Sie sich nicht nur «Was kann ich leisten?», sondern auch: «Was kann ich regelmässig leisten, ohne selbst wegzukippen?» Dort beginnt meist eine tragfähige Grenze.

Sätze, die helfen können — zum Üben:

  • «Ich bin für dich da — aber nicht heute Nacht. Ich brauche Schlaf.»
  • «Das kann ich nicht für dich entscheiden. Das liegt beim Behandlungsteam.»
  • «Ich mache mir Sorgen um dich, aber ich kann das nicht für dich lösen.»
  • «Ich liebe dich. Und ich brauche morgen Abend für mich.»
  • «Ich bin nicht böse auf dich — ich brauche gerade einfach eine Pause.»

Diese Sätze fühlen sich am Anfang oft falsch an. Das ist normal — nicht weil sie falsch sind, sondern weil Abgrenzung ungewohnt ist.

Strategie 4: Eigene Hilfe ist Teil guter Begleitung

Angehörigenberatung und eigene Therapie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern oft der Punkt, an dem Begleitung wieder tragfähig wird. Studien zeigen, dass Angehörige, die selbst Unterstützung erhalten, die Belastung besser regulieren können [8].

Konkret: Warten Sie nicht auf den absoluten Tiefpunkt. Wenn Sie merken, dass Schlaf, Stimmung, Arbeit, Beziehung oder Körper bereits leiden, ist das ein ausreichender Grund, sich Hilfe zu holen. Die PUK Zürich bietet kostenlose Angehörigenberatung an: 058 384 20 00.

Strategie 5: Informiert bleiben — aber dosiert

Wissen hilft. Aber zu viel Recherche — besonders nachts, besonders über Suizidrisiken — kann die eigene Angst verstärken. Setzen Sie sich bewusste Grenzen: Informieren Sie sich zu festen Zeiten, aus verlässlichen Quellen, und hören Sie auf, wenn Sie merken, dass es Sie belastet.

Konkret: Diese Website, die Broschüren der PUK Zürich und die Angebote der Pro Mente Sana sind verlässliche Quellen. Foren und Social Media können hilfreich sein — aber auch destabilisierend.

  • Ich darf Grenzen setzen, bevor ich zusammenbreche.
  • Ich darf Unterstützung für mich holen, auch wenn mein Angehöriger das nicht tut.
  • Ich darf nicht alles auffangen, nur weil ich liebe.

Wenn Loyalität gegen die eigene Stabilität arbeitet

Viele Angehörige wissen längst, dass sie Grenzen bräuchten, und gehen trotzdem weiter über sie hinweg. Nicht aus Unvernunft, sondern weil Loyalität, Liebe, Pflichtgefühl und Angst vor Eskalation gleichzeitig wirken. Gerade enge Bindung macht Abgrenzung oft schwerer, nicht leichter.

Dann entstehen Sätze wie: «Ich kann jetzt nicht auch noch an mich denken.» «Wenn ich mich zurückziehe, kippt alles.» «Vielleicht muss ich nur noch ein bisschen mehr tragen.» Diese Gedanken sind verständlich. Aber sie können dazu führen, dass die eigene Stabilität immer weiter aufgebraucht wird.

In langen Verläufen kommt oft noch etwas dazu: Man gewöhnt sich an Zustände, die man früher selbst alarmierend gefunden hätte. Genau deshalb wirkt Selbstschutz oft übertrieben, obwohl er in Wahrheit nur verspätet ist.

Ein heikler Punkt

Liebe schützt nicht vor Überforderung.

  • Sie können sehr loyal sein und trotzdem zu viel tragen.
  • Pflichtgefühl ist nicht dasselbe wie Zuständigkeit.
  • Manchmal fühlt sich Abgrenzung falsch an, obwohl sie genau das Richtige ist, weil Ihr innerer Kompass noch auf Alarm statt auf Tragfähigkeit eingestellt ist.
Wenn Abstand nötig wird

Abstand ist nicht dasselbe wie Kälte

Manchmal braucht Selbstschutz nicht nur freundlichere Grenzen, sondern echte Begrenzung: weniger Erreichbarkeit, kürzere Besuche, Pausen nach Krisengesprächen oder zeitweilige Distanz.

Schützen Sie, was mitbetroffen ist

Arbeit, Kinder, Partnerschaft, Freundschaften, Schlaf und Finanzen dürfen nicht stillschweigend der Erkrankung geopfert werden.

Abstand kann Beziehung auch ehrlicher machen

Wenn Sie aufhören, alles aufzufangen, wird oft sichtbarer, was tatsächlich Ihre Rolle ist und wo professionelle Hilfe nötig wird.

Was Abstand innerlich so schwer macht

Die Angst, dass dann alles zusammenfällt

Viele Angehörige fürchten, jede Begrenzung könne eine Krise auslösen. Diese Angst ist ernst zu nehmen, darf aber nicht automatisch jede Grenze verhindern.

Das Schuldgefühl, weniger gut zu sein

Wer sich abgrenzt, fühlt sich oft sofort härter, egoistischer oder weniger loyal. Diese innere Reaktion ist häufig, aber nicht immer ein guter moralischer Kompass.

Die offene Frage, wer dann übernimmt

Selbstschutz zwingt oft dazu, Zuständigkeiten sichtbarer zu machen. Gerade das ist unerquicklich, aber häufig notwendig.

Wann Sie selbst Hilfe brauchen

Viele Angehörige warten mit eigener Hilfe zu lange, weil sie denken: «Zuerst muss es der betroffenen Person besser gehen.» In Wirklichkeit ist oft das Gegenteil sinnvoll: Je früher Sie Ihre eigene Stabilität schützen, desto eher bleibt Begleitung überhaupt tragfähig.

Wann Unterstützung deutlich angezeigt ist

Beratung ist sinnvoll, wenn

Sie sich dauernd im Kreis drehen, niemanden mehr wirklich einbeziehen oder unsicher sind, wie Sie Grenzen setzen sollen.

Unterstützung ist deutlich angezeigt, wenn

Schlaf, Stimmung, Arbeit, Familie oder Freundschaften bereits leiden und Ihr Alltag immer enger um die Erkrankung kreist.

Schnelle Abklärung ist wichtig, wenn

Sie selbst depressive Symptome, starke Angst, körperliche Stressreaktionen, Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl entwickeln, nur noch im Alarmzustand zu leben.

Entlastender Gedanke

Eigene Hilfe ist kein Nebenthema.

  • Sie dürfen Beratung für sich nutzen, auch wenn die betroffene Person keine Hilfe will.
  • Sie brauchen keinen «genug schlimmen» Grund, um Unterstützung anzunehmen.
  • Frühe Hilfe schützt oft mehr als spätes Durchhalten, gerade weil man sich an Überlastung erstaunlich lange gewöhnen kann.

Schuld, Loyalität und Stigma

Selbstschutz scheitert bei Angehörigen oft nicht am Wissen, sondern an Schuldgefühlen. Viele denken: «Wenn ich mich abgrenze, lasse ich den anderen im Stich.» Oder: «Wenn ich selbst Hilfe brauche, habe ich versagt.» Dazu kommt oft ein Umfeld, das die Erkrankung verharmlost oder Ihre Rolle missversteht.

Schuld, Loyalität und Stigma verstärken sich gegenseitig: Sie fühlen sich verantwortlich, erklären sich kaum und tragen dadurch immer mehr allein. Besonders schwer ist oft nicht das, was andere sagen, sondern das, was die eigene innere Stimme daraus macht.

Je nach Angehörigenrolle kann die Belastung anders aussehen

Als Partner*in

Sie erleben oft emotionale Einsamkeit, ungleiche Verantwortung und das Gefühl, die Beziehung fast allein tragen zu müssen.

Als Elternteil

Schuld und Verantwortungsgefühl sind oft besonders stark. Loslassen fühlt sich schnell wie Verrat an.

Als erwachsenes Kind

Rollenumkehr, Pflichtgefühl und das eigene Leben neben der Sorge um Mutter oder Vater sind oft schwer zu vereinbaren.

Als Geschwister

Die Belastung bleibt oft unsichtbar, obwohl Loyalität und Mitverantwortung stark sein können. Gerade hier sind Zuständigkeiten oft besonders unklar.

💬 Jemand sagt: «Depression? Das ist doch nur eine Ausrede für Faulheit.»

Sie könnten sagen:

«Depression ist eine ernsthafte Erkrankung. Man kann sich nicht einfach zusammenreissen, so wenig wie bei einem gebrochenen Bein. Ich habe das selbst erst nach und nach verstanden.»

💬 Ein Familienmitglied fragt: «Warum nimmst du ihn nicht einfach mal mit zum Wandern?»

Sie könnten sagen:

«Bewegung hilft tatsächlich — aber bei einer Depression fehlt der Antrieb, der dafür nötig ist. Ich versuche, kleine Schritte zu machen. Manchmal ist ein Spaziergang um den Block schon ein Erfolg.»

💬 Am Arbeitsplatz: «Dein Partner ist schon wieder krank? Wie lange soll das noch gehen?»

Sie könnten sagen:

«Mein Partner ist in Behandlung. Depression braucht Zeit — wie jede ernsthafte Erkrankung. Ich schätze dein Verständnis.» Sie müssen nicht mehr erklären, als Sie möchten. Und: Sie dürfen auch sagen «Ich möchte darüber gerade nicht sprechen.»

💬 Die innere Stimme sagt: «Wenn ich Hilfe brauche, habe ich versagt.»

Die Wahrheit ist:

Hilfe anzunehmen ist kein Versagen — es ist das Gegenteil. Es braucht Mut und Selbstkenntnis, die eigenen Grenzen zu erkennen. Jeder Mensch hat Grenzen. Ihre zu kennen macht Sie nicht schwach — es macht Sie langfristig tragfähig.

Wie viel erzählen? Es gibt keine Pflicht, über die Erkrankung Ihres Angehörigen zu sprechen. Schweigen kann aber isolieren. Ein möglicher Mittelweg ist, ein oder zwei Vertrauenspersonen offen einzuweihen und anderen nur so viel zu sagen, wie sich stimmig anfühlt.

Was bedeutet das konkret für Sie?

Selbstschutz ist kein Gegenstück zu Liebe, sondern oft ihre begrenzte Form in einer Überlastungslage.

  • Sie können jemanden lieben und gleichzeitig an Ihre Grenze kommen.
  • Sie dürfen Unterstützung wollen, ohne damit die andere Person abzuwerten.
  • Sie dürfen spüren, dass Sie Abstand brauchen, ohne deshalb ein schlechter Mensch zu sein.

Ich war der «starke» Bruder. Ich habe alles organisiert, alle Arzttermine begleitet, alle Krisen aufgefangen. Bis ich selbst zusammenbrach. Meine Therapeutin sagte: «Du hast dich selbst aufgegeben, um deinen Bruder zu retten. Das war nicht Stärke — das war Selbstaufopferung.» Später musste ich lernen, nicht nur freundlicher Grenzen zu setzen, sondern meine Erreichbarkeit wirklich zu begrenzen. Erst da wurde mir klar, wie sehr mein eigenes Leben schon verschwunden war.

— Bruder, 38 Jahre (anonymisiert)

«Ich helfe nicht besser, wenn ich mich aufgebe. Ich helfe nur kürzer — und verliere dabei mich selbst.»

Moment der Reflexion: Wo ist Ihre Schutzschwelle?

Was ist in den letzten Wochen kleiner geworden: Ihr Schlaf, Ihr sozialer Raum, Ihre Geduld, Ihre Freude, Ihre Belastbarkeit? Und wo merken Sie, dass Sie nicht mehr nur Entlastung, sondern wirklichen Schutz brauchen?

Optional: Übungen & Visualisierungen

Wissens-Check

Frage: Was ist «compassion fatigue» (Mitgefühlserschöpfung)?
  • Machen Sie den Realitätscheck oben und markieren Sie, wo Ihre Tragfähigkeit bereits brüchig geworden ist.
  • Benennen Sie eine Grenze, die nicht erst im Krisenmoment gelten soll: Erreichbarkeit, Besuchshäufigkeit, Zuständigkeit oder Schutz des eigenen Schlafs.
  • Buchen Sie einen Termin für sich selbst — bei der Angehörigenberatung der PUK, beim Hausarzt oder in einer Angehörigengruppe.
  • Wenn Sie ständig alarmiert sind oder Kinder, Arbeit oder Partnerschaft mitbetroffen sind: behandeln Sie das als ernstes Warnsignal, nicht als Nebensache.
Quellen & Vertiefung
  1. Soh, X.C. et al. (2025). Prevalence of depression, anxiety, burden, burnout, and stress in caregivers. General Hospital Psychiatry, 93, 1–12. doi:10.1016/j.genhosppsych.2025.01.001
  2. Katsuki, F. et al. (2022). Effectiveness of family psychoeducation for major depressive disorder. BJPsych Open, 8(5), e148. doi:10.1192/bjo.2022.543
  3. Figley, C.R. (2002). Compassion fatigue: Psychotherapists' chronic lack of self care. Journal of Clinical Psychology, 58(11), 1433–1441. doi:10.1002/jclp.10090
Visualisierung · Modul 5

Warnsignale der Mitgefühlserschöpfung (Compassion Fatigue)

Frühzeitig erkennen schützt — Sie und Ihren Angehörigen.

Wenn Fürsorge erschöpft: Erkennen Sie sich in diesen Signalen? Körperlich Anhaltende Erschöpfung trotz Schlaf Schlafstörungen, häufiges Aufwachen Körperliche Beschwerden (Kopf, Magen) Emotional Emotionale Taubheit, Gefühllosigkeit Reizbarkeit, schnelle Ungeduld Gefühl, nicht mehr man selbst zu sein Kognitiv Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit Zynismus, negative Grundhaltung Gefühl, nichts zu bewirken Sozial Rückzug von Freunden und Familie Vernachlässigung eigener Bedürfnisse Verlust von Hobbys und Interessen Wenn 3 oder mehr Signale zutreffen: Bitte holen Sie sich Unterstützung. Modul 6 zeigt, wo.

Infografik als PDF herunterladen (A4, druckfertig)

Kurz mitnehmen
  • Überlastung zeigt sich nicht nur als Erschöpfung, sondern oft auch als Verhärtung, Gereiztheit, Leere oder Alarmzustand.
  • Selbstschutz ist für Angehörige oft kein Technikthema, sondern ein Dilemma zwischen Loyalität, Angst, Schuld und begrenzter Tragfähigkeit.
  • Sie dürfen lieben, begleiten und trotzdem an Grenzen kommen.
Sinnvoll als Nächstes
  • Benennen Sie eine Grenze oder eine Form von Abstand, die Ihre Stabilität konkret schützen würde.
  • Wenn Ihr eigenes Leben enger geworden ist, erwägen Sie einen ersten Schritt nach aussen, zum Beispiel die Angehörigenberatung der PUK: 058 384 20 00
  • Halten Sie Ihre eigenen Warnsignale und Grenzen schriftlich fest: Persönlicher Krisenplan →
  • Keine Zeit für alle Module? Überblick auf einer Seite →

Wenn Sie jetzt nicht weiter sortieren, sondern konkrete nächste Schritte brauchen, gehen Sie weiter zu Modul 7: Hilfe finden →.

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